Ein Vortrag, drei Sitzungen: Wie Jonas seine Eröffnung neu aufbaute
Matthias Brandt
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Jonas hielt seine Eröffnungsrede jahrelang zu schnell und zu hoch. Drei Einzelsitzungen im Studio veränderten Atem, Tempo und Haltung, ohne dass sein Text angefasst wurde.
Der Anlass: eine Eröffnung, die nie ankam
Jonas leitet eine Abteilung in einem mittelständischen Unternehmen und hält jedes Jahr im Herbst die Eröffnungsrede vor etwa zweihundert Gästen. Als er zu uns nach Trier kam, schilderte er sein Problem knapp: Die ersten zwei Minuten gelängen ihm nie. Er höre sich selbst zu schnell sprechen, die Stimme rutsche nach oben, und danach brauche er lange, bis er im Raum ankomme.
Wir vereinbarten drei Einzelsitzungen von jeweils gut anderthalb Stunden. Jonas brachte seinen aktuellen Vortragstext mit, außerdem eine Aufnahme vom Vorjahr, die er nur ungern vorspielte. Schon beim ersten Anhören war klar, dass der Text nicht das Hindernis war. Die Sätze waren klar gebaut, die Gliederung stimmte. Das Problem lag in den Sekunden davor und in den Gewohnheiten, die er auf die Bühne mitnahm, ohne sie zu bemerken.
Erste Sitzung: Stand und Atem vor dem ersten Wort
Wir begannen nicht mit der Stimme, sondern mit dem Boden unter seinen Füßen. Jonas stand, wie viele Menschen vor Publikum stehen: das Gewicht auf den Fersen, die Knie durchgedrückt, die Schultern leicht nach vorn. In dieser Haltung bleibt für den Atem wenig Raum, und die Stimme sucht sich ihren Weg nach oben.
Wir arbeiteten mit einfachen Übungen im Stehen. Er verlagerte das Gewicht langsam auf den Mittelfuß, ließ die Knie weich werden und spürte, wie sich der Brustkorb weitete. Danach sprach er seinen ersten Absatz erneut. Der Unterschied war hörbar, und Jonas bemerkte ihn selbst, noch bevor ich ein Wort sagte. Er sagte nur: Das klingt nach jemand anderem. Ich antwortete, dass es nach ihm klingt, mit mehr Platz.
- Gewicht auf den Mittelfuß, Knie nicht durchgedrückt
- Schultern lösen, ohne sie zurückzuziehen
- Ausatmen vor dem ersten Satz, nicht Einatmen mit Anspannung
Zweite Sitzung: das Tempo der ersten zwei Minuten
In der zweiten Sitzung nahmen wir uns die Eröffnung Satz für Satz vor. Jonas hatte die Gewohnheit, sofort nach dem Betreten der Bühne zu sprechen, als wolle er die Stille möglichst schnell beenden. Wir übten das Gegenteil: ankommen, den Raum ansehen, einmal ausatmen, dann beginnen. Anfangs fühlte sich das für ihn endlos an, in der Aufnahme dauerte die Pause knapp drei Sekunden.
Danach setzten wir kleine Haltepunkte in den Text, immer dort, wo ein Gedanke abgeschlossen war. Jonas markierte sie mit Bleistift am Rand seines Manuskripts. Er lernte, dass eine Pause kein Loch ist, sondern dem Publikum die Zeit gibt, mitzudenken. Seine Stimme blieb in der Tiefe, weil der Atem nicht mehr zwischen den Sätzen verloren ging.
Dritte Sitzung: der Probelauf im großen Raum
Zur dritten Sitzung bat ich Jonas, den Vortrag im größten Raum des Studios zu halten, stehend, mit Blick auf leere Stühle. Ich setzte mich in die letzte Reihe. Wir wollten prüfen, ob die Stimme ohne Anstrengung bis hinten trägt. Zuerst drückte er noch etwas, weil er den Raum erreichen wollte. Ich bat ihn, nicht lauter zu werden, sondern den Atem tiefer zu führen und die Vokale weiter zu öffnen.
Beim zweiten Durchgang trug die Stimme, und zwar mit weniger Aufwand als zuvor. Wir nahmen diesen Durchgang auf und hörten ihn gemeinsam an. Jonas bemerkte, dass er ruhiger klang und dass die Zuhörer, hätte er sie gehabt, ihm leichter hätten folgen können. Er schrieb sich drei Stichworte auf, die er vor dem Auftritt durchgehen wollte.
Was Jonas danach selbst berichtete
Einige Wochen nach der letzten Sitzung meldete sich Jonas kurz bei uns. Er hatte seine Eröffnung gehalten und beschrieb den Moment auf der Bühne ohne Pathos: Er sei angekommen, habe ausgeatmet und gewartet, bis es im Saal still wurde. Der Anfang sei ihm nicht perfekt vorgekommen, aber er habe sich nicht gehetzt gefühlt.
Wir versprechen in unserer Arbeit keine Verwandlung. Was Einzelcoachings leisten können, ist enger gefasst: Sie machen sichtbar, welche Gewohnheiten im Weg stehen, und geben Ihnen Übungen an die Hand, die Sie selbst wiederholen können. Bei Jonas waren es der Stand, die Pause und der Atem. Bei anderen Rednern sind es andere Dinge, und genau deshalb arbeiten wir mit Ihrem aktuellen Vortrag und nicht mit einem Standardprogramm.
- Stand, Pause und Atem als Grundlage der Eröffnung
- Eigene Aufnahme als Arbeitsmaterial
- Kurze Stichwortliste für den Tag des Auftritts
Was ein Einzelcoaching von Ihnen verlangt
Ein Einzelcoaching setzt keine Vorkenntnisse voraus, wohl aber Bereitschaft, sich selbst zuzuhören. Bringen Sie Ihren aktuellen Vortrag mit, wenn möglich als Text und als Aufnahme. Tragen Sie bequeme Kleidung, in der Sie sich frei bewegen können, und planen Sie Zeit zum Üben zwischen den Sitzungen ein, auch wenn es nur zehn Minuten am Tag sind.
Realistisch ist, dass Sie nach wenigen Sitzungen Ihre eigenen Muster erkennen und erste Gegenmittel zur Hand haben. Ob daraus ein sicherer Auftritt wird, zeigt sich auf der Bühne selbst. Wir begleiten Sie in der Vorbereitung, den Auftritt trägt am Ende immer Ihre Stimme und Ihre Haltung.
Jonas hat seinen Text nicht verändert, sondern die Sekunden davor: Stand, Atem, eine kurze Pause. Das ist typisch für Einzelcoachings, denn sie setzen dort an, wo Ihre persönlichen Gewohnheiten liegen. Wenn Sie vor einem wichtigen Vortrag stehen, kann eine kleine Zahl gezielter Sitzungen genügen, um zu erkennen, was Sie tragen und was Sie bremst.
Matthias Brandt
Dozent für KörperwahrnehmungBewegungspädagoge, der somatische Methoden für Auftritte vor Publikum anpasst.