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Journal Fallgeschichte

Ein Abend in der Masterclass: Wie Jonas seine Eröffnung neu fand

Sabine Hoffmann

4 Min. Lesezeit

Ein Fallbeispiel aus der Private Masterclass: Jonas, Geschäftsführer eines Mittelständlers, übte in kleiner Runde seine Keynote und fand dabei einen ruhigeren Anfang.

Der Anlass: eine Keynote im Winter

Jonas meldete sich Ende des Sommers bei uns. Er leitet ein Unternehmen mit mehreren Standorten und sollte im Winter die Eröffnungsrede auf einer Fachtagung halten. Aus Einzelcoachings kannte er das Gefühl, am Pult sicher zu sein, wenn niemand zuhört. Sobald aber fremde Gesichter vor ihm saßen, wurde sein Tempo schneller und die Stimme eng.

Im Vorgespräch sagte er einen Satz, der mir im Gedächtnis blieb: Er wisse, was er sagen wolle, aber nicht, wie er den ersten Moment aushalten solle. Genau dafür ist die Private Masterclass gedacht. Eine kleine, geschlossene Runde übt Auftritte vor echtem Publikum und erhält gezielte Rückmeldung, und zwar von Menschen, die selbst am nächsten Tag wieder vor Zuhörern stehen.

Die Runde und der Rahmen

Wir arbeiten mit wenigen Teilnehmenden, damit jeder genug Zeit auf der Fläche bekommt. Jonas traf dort auf eine Beraterin, einen Hochschullehrer und eine Verbandsvorsitzende. Alle kannten das Sprechen vor Publikum, niemand kannte einander. Diese Mischung ist beabsichtigt: Wer vor Fremden besteht, trägt das in jeden Saal.

Die Regeln sind schlicht. Was in der Runde gezeigt wird, bleibt in der Runde. Rückmeldungen beschreiben, was zu sehen und zu hören war, und bewerten nicht den Menschen. Ich leite als Dozentin für theatrale Präsenz den Abend, und bei Bedarf ergänzen Katharina Lenz oder Matthias Brandt mit Hinweisen zu Stimme und Körperwahrnehmung.

  • Geschlossene Runde, keine wechselnden Gäste
  • Vertraulichkeit als feste Verabredung
  • Rückmeldung beschreibend statt wertend

Erster Durchlauf: das Tempo verrät alles

Jonas begann seine Eröffnung mit einem Zitat und sprach die ersten drei Sätze in einem Atemzug. Das Publikum, also die Runde, hörte aufmerksam zu, merkte aber, dass er schon im Rückzug war, bevor er angekommen war. Wir haben ihm das nicht erklärt, sondern gespiegelt: Eine Teilnehmerin wiederholte seine Geschwindigkeit, und er hörte, wie hastig es klang.

Danach ließ ich ihn nur stehen. Ohne Text, ohne Folie, einen Blick durch den Raum, einen Atemzug. Zunächst fühlte sich die Stille für ihn endlos an. Gemessen waren es etwa vier Sekunden. Diese Diskrepanz zwischen gefühlter und tatsächlicher Dauer ist einer der häufigsten Aha-Momente in der Theaterarbeit mit Rednern.

Die Pause als Werkzeug

Aus der Schauspielpraxis übertragen wir eine einfache Methode: Die Pause gehört zum Satz. Jonas übte, vor dem ersten Wort den Blick auf eine Person im hinteren Teil des Raumes zu richten, auszuatmen und erst dann zu beginnen. Beim dritten Versuch veränderte sich nicht nur sein Tempo, auch die Stimme sank von selbst in eine tragfähigere Lage.

Die Gruppe bemerkte das sofort. Jemand sagte, er wirke jetzt, als lade er ein, statt zu verteidigen. Solche Sätze von Gleichgestellten wiegen oft mehr als jede Anweisung von der Seitenlinie. Jonas schrieb sich den Ablauf auf eine Karte: Blick, Atem, Beginn. Mehr nahm er nicht mit, und das war genug.

  • Blick zuerst, dann Atem, dann das erste Wort
  • Pausen nicht füllen, sondern aushalten
  • Eine einzige Merkhilfe statt vieler Regeln

Was die Rückmeldung leistet

Am Ende des Abends hielt jeder Teilnehmer seinen Auftritt noch einmal, diesmal mit dem, was er gelernt hatte. Die Rückmeldungen waren konkret: wo der Blick abgerutscht war, an welcher Stelle die Stimme enger wurde, welcher Satz am meisten Gewicht hatte. Jonas erhielt drei Beobachtungen, nicht dreißig. Das ist Absicht, denn zu viele Hinweise lähmen.

Wichtig ist uns, dass niemand mit einem fertigen Rezept geht. Realistisch ist, dass ein Abend einen Anfang setzt und einen klaren Übungsauftrag liefert. Ob die Rede im Winter gelingt, hängt von der Wiederholung ab, nicht vom Abend allein. Das sagen wir den Teilnehmenden offen, und sie schätzen es.

Was Jonas mitnahm

Einige Wochen später meldete er sich kurz. Er habe die Eröffnung mehrmals vor dem Spiegel und einmal vor seinem Leitungsteam geübt, immer mit der Karte in der Tasche. Der erste Satz fühle sich nun wie ein fester Boden an. Mehr wollte er nicht sagen, und mehr braucht es an dieser Stelle auch nicht.

Für uns bleibt aus diesem Fall eine einfache Beobachtung: Wer vor Publikum ruhig beginnen will, muss den Anfang nicht neu erfinden, sondern ihn langsamer machen. Die kleine Runde schafft den Raum, in dem das gefahrlos erprobt werden kann, und die Rückmeldung der anderen macht sichtbar, was allein im Probenraum verborgen bliebe.

  • Ein ruhiger Anfang lässt sich üben
  • Kleine Runde, genaue Rückmeldung
  • Wiederholung nach dem Abend entscheidet

Die Private Masterclass ersetzt keine Vorbereitung, sie schärft sie. Jonas kam mit einem engen Anfang und ging mit einem klaren Ablauf aus Blick, Atem und erstem Wort. Wer vor Publikum bestehen will, braucht einen geschützten Raum zum Üben und Menschen, die genau hinsehen. Beides finden Sie in unserer geschlossenen Runde, in der jeder Auftritt zählt und nichts nach außen dringt.

Geschrieben von

Sabine Hoffmann

Dozentin für theatrale Präsenz

Schauspielerin und Regisseurin, die Redner in Timing, Blick und Raumwirkung begleitet.

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